Presse
Wer ist in Deutschland zu Hause?
PROJEKT Schüler der Lise-Meitner-Gesamtschule zeigen das
Theaterstück "Gepackte Träume"
Finkenberg. Fatma Korkmaz lässt sich viel Zeit mit der Geburt ihres Kindes: Sie ist im zwölften Monat schwanger und lebt in der türkischen Stadt Izmir. Das Kind soll erst zur Welt kommen, wenn ihr Mann Osman einer Arbeit nachgeht, um die Familie zu ernähren. Das gerade abgeschlossene Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei kommt wie gerufen. Fatma beschließt, Osman in die Fremde zu schicken, damit er dort arbeitet.
Mit einer gehörigen Portion Witz zeigten die Schüler der Lise-Meitner-Gesamtschule in dem Theaterstück "Gepackte Träume", wie aus ihrer Sicht die ersten Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, was sie durchlebt haben und wie es heute um sie und ihre Nachfahren bestellt ist. Das Stück ist ein Projekt der Kulturagentur "Kulturkontakt". Anlass ist das
Anwerbeabkommen zwischen den beiden Ländern, das sich Ende Oktober zum 50. Mal jährt.
Mit der Vereinbarung im Jahr 1961 sollten türkische Arbeitnehmer befristet in der Bundesrepublik beschäftigt werden und dann wieder in ihren Heimatstaat zurückkehren. Aber die meisten sind geblieben. "Wir haben das Theaterensemble »Turkish Delight« gefragt, ob sie das Projekt übernehmen würden", sagte Hatice Isik von "Kulturkontakt".
Die beiden Darsteller Kadir Zeyrek und Numan Sarraç stimmten zu und suchten eine Schule, die das Projekt mitgestaltet und auf die Bühne bringt. Über einen türkischen Lehrer an der Lise-Meitner-Gesamtschule kam der Kontakt zustande. Mit den 15 Schülern des Kurses "Darstellen und Gestalten" entwickelten die Darsteller drei Sketche.
Auch der Titel des Stücks stammt aus der Feder der Schüler, die ganz unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben. "Seit Februar arbeiteten sie mit den Schülern jede Woche drei Zeitstunden.
Dabei standen die Ideen der Schüler stets im
Vordergrund", sagte Kursusleiterin Birgit Tewes.
Zwei Ziele verfolgte das Projekt: Es soll geschichtliches Wissen vermittelt werden und die Schüler sollen einen Einblick in
professionelle Regiearbeit im Theater erhalten.
Der erste Sketch spielt im Jahr 1961.
Es zeigt, was Osman Korkmaz (Sebastian Wielpütz) auf sich nehmen muss, um nach Deutschland einzureisen: medizinische Untersuchungen, Befragungen und der Abschied von der Familie. Wie Roboter schuften die Gastarbeiter im zweiten Sketch an Fließbändern und werden von deutschen Kollegen schikaniert.
Zwei Kulturen prallen aufeinander, Missverständnisse sind absehbar. Mit einer Massenschlägerei an einer Schule endet
das Stück im Jahr 2011. Es spiegelt eine Zeitgeschichte, die die deutsche Gesellschaft nachhaltig verändert hat. Nicht
immer lief alles richtig. "Historisch gesehen gab es Fehler wie die Ghettoisierung", sagte Zeyrek. Die Gastarbeiter wurden in der Regel jeweils im selben Viertel untergebracht, somit bestand nicht die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen.
Weder wollen Sarraç und Zeyrek mit dem Stück belehren, noch als Stimmungsmacher gelten. Sie wollen zum Nachdenken animieren - und zwar mit den Sätzen , die am Ende des Stücks aus den Boxen schallen: "Wie viel Toleranz soll man gegen Ausländer haben?", "Sind sie in Deutschland angekommen?" und "Ist Integration gescheitert?"
Kölner Stadt Anzeiger, 07.07.11
von Güngör Öztürker
PROJEKT Schüler der Lise-Meitner-Gesamtschule zeigen das
Theaterstück "Gepackte Träume"
Finkenberg. Fatma Korkmaz lässt sich viel Zeit mit der Geburt ihres Kindes: Sie ist im zwölften Monat schwanger und lebt in der türkischen Stadt Izmir. Das Kind soll erst zur Welt kommen, wenn ihr Mann Osman einer Arbeit nachgeht, um die Familie zu ernähren. Das gerade abgeschlossene Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei kommt wie gerufen. Fatma beschließt, Osman in die Fremde zu schicken, damit er dort arbeitet.
Mit einer gehörigen Portion Witz zeigten die Schüler der Lise-Meitner-Gesamtschule in dem Theaterstück "Gepackte Träume", wie aus ihrer Sicht die ersten Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, was sie durchlebt haben und wie es heute um sie und ihre Nachfahren bestellt ist. Das Stück ist ein Projekt der Kulturagentur "Kulturkontakt". Anlass ist das
Anwerbeabkommen zwischen den beiden Ländern, das sich Ende Oktober zum 50. Mal jährt.
Mit der Vereinbarung im Jahr 1961 sollten türkische Arbeitnehmer befristet in der Bundesrepublik beschäftigt werden und dann wieder in ihren Heimatstaat zurückkehren. Aber die meisten sind geblieben. "Wir haben das Theaterensemble »Turkish Delight« gefragt, ob sie das Projekt übernehmen würden", sagte Hatice Isik von "Kulturkontakt".
Die beiden Darsteller Kadir Zeyrek und Numan Sarraç stimmten zu und suchten eine Schule, die das Projekt mitgestaltet und auf die Bühne bringt. Über einen türkischen Lehrer an der Lise-Meitner-Gesamtschule kam der Kontakt zustande. Mit den 15 Schülern des Kurses "Darstellen und Gestalten" entwickelten die Darsteller drei Sketche.
Auch der Titel des Stücks stammt aus der Feder der Schüler, die ganz unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben. "Seit Februar arbeiteten sie mit den Schülern jede Woche drei Zeitstunden.
Dabei standen die Ideen der Schüler stets im
Vordergrund", sagte Kursusleiterin Birgit Tewes.
Zwei Ziele verfolgte das Projekt: Es soll geschichtliches Wissen vermittelt werden und die Schüler sollen einen Einblick in
professionelle Regiearbeit im Theater erhalten.
Der erste Sketch spielt im Jahr 1961.
Es zeigt, was Osman Korkmaz (Sebastian Wielpütz) auf sich nehmen muss, um nach Deutschland einzureisen: medizinische Untersuchungen, Befragungen und der Abschied von der Familie. Wie Roboter schuften die Gastarbeiter im zweiten Sketch an Fließbändern und werden von deutschen Kollegen schikaniert.
Zwei Kulturen prallen aufeinander, Missverständnisse sind absehbar. Mit einer Massenschlägerei an einer Schule endet
das Stück im Jahr 2011. Es spiegelt eine Zeitgeschichte, die die deutsche Gesellschaft nachhaltig verändert hat. Nicht
immer lief alles richtig. "Historisch gesehen gab es Fehler wie die Ghettoisierung", sagte Zeyrek. Die Gastarbeiter wurden in der Regel jeweils im selben Viertel untergebracht, somit bestand nicht die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen.
Weder wollen Sarraç und Zeyrek mit dem Stück belehren, noch als Stimmungsmacher gelten. Sie wollen zum Nachdenken animieren - und zwar mit den Sätzen , die am Ende des Stücks aus den Boxen schallen: "Wie viel Toleranz soll man gegen Ausländer haben?", "Sind sie in Deutschland angekommen?" und "Ist Integration gescheitert?"
Kölner Stadt Anzeiger, 07.07.11
von Güngör Öztürker
