Luther Thesen durchbuchstabieret

Horizont Theater: Aydin Isiks Stück über den Reformator

Von der ZDF Dokumentation habe er sich zu seinen Stück „Martin Luther“ inspirieren lassen, gesteht Aydin Isik, freimütig im Programmheft. Auf den Gedanken wäre man leider wohl auch ohne dieses Eingeständnis gekommen. Schließlich wird das Leben des Reformators von der Wiege bis zur Bahre mal eben in rund eineinhalb Stunden komprimiert. Erzählpassagen wechseln mit Spielszenen, deren Dialoge oft arg hölzern knarren. Zumindest einige nette Regie -Einfälle fallen in der Inszenierung des Autors, die im Horizont Theater Premiere hatte, auch ab.
Aber Jürgen Clemens in der Titelrolle ist wahrhaftig nicht zu beneiden, muss er doch Isiks Grundidee treulich durchbuchstabieren und die Geburt des Protestantismus konsequent aus dem Geist des Klassenprimus darstellen. Denn Isiks Luther ist nicht der Beste in Latein, nach der Lebenskrise aufgrund schlechten Wetters bei Erfurt muss er unbedingt auch der beste Sünder sein. Will sagen: nichtswürdigste unter der Sonne. Da kann der Papst sagen was ee will. So steht Martin nun und kann nicht anders, muss seine Wahrheiten – „die Wahrheit“ – verkünden, selbstgerecht und losgelöst von jeder Realität, in der bald der Teufel los ist. Bauernaufständige, Glaubenskriege.

Und er ist so verdammt deutsch, dass er seine Sache gnadenlos zu Ende denken muss.

Wohin Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ geführt hat, weiß das Stück dann natürlich auch. Während Clemens so blutleer und schematisch agieren muss wie es der Autorenauftrag vermuten lässt, können Guido Grollmann und Michael Paluch als Kommilitonen, Beamte, Päpste und Kardinäle beinahe so korrupt, zynisch und läppisch aufspielen, wie Menschen nun mal sind.
Sympathisch ist das auch nicht, aber wenigstens ansatzweise realistisch. Wie Papst Leo X. fidel auf dem am Boden liegenden
Riesenkreuz tänzelt und salopp erklärt, Ablasshandel sei schon okay, er gebe den Menschen wenigstens Hoffnung, wird als Bild in Erinnerung bleiben.


Kölnische Rundschau Dez.2010
Hans Willi Hermans
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Fotos Jürgen Elskamp