Pressebereich Dorian Gray
Anti Aging mit Folgen
Premiere von Das Bildnis des Dorian Gray in der Pathologie
"Das Leben war zu kurz, dass man die Fehler eines Anderen auf seine Schultern laden konnte. Jeder lebte sein eigenes Leben und zahlte seinen eigenen Preis dafür. Das Schlimme war nur, dass man für einen einzigen Fehler so oft bezahlen musste."
Diese Gedanken macht sich Dorian Gray (Sven Djurovic), ein junger und hübscher Mann, der es nicht erträgt, seine jugendliche Schönheit eines Tages zu verlieren, denn die ist seiner Meinung nach sein einziger Vorzug. Auf diese Idee bringt ihn Lord Henry (Julian Baboi), der, besessen von Dorians glänzendem Äußeren, nicht davon ablässt, ihm seine Vorstellung von einem ausschweifenden Lebensstil und zweifelhafter Moral nahezulegen: "Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben."
Gar nicht begeistert vom schlechten Einfluss Henrys auf Dorian ist der Fotograf Basil (Tobias Novo), der den Jüngling als seine persönliche Muse ansieht und daher ein Portrait von ihm anfertigt, welches er Dorian schenkt.
Wer jetzt den Eindruck hat, es handele sich um ein Liebes- und Eifersuchtsdrama unter Männern, ist damit nicht alleine, liegt aber falsch. Besessen von der Angst vor Alter und Verfall, wird Dorian ein immer unmoralischerer Mensch. Als er merkt, dass nicht sein Äußeres, sondern Basils Bild von ihm immer hässlicher wird, kennt seine Grausamkeit keine Hemmungen mehr und er begeht letztendlich sogar einen Mord.
Verständlichkeit durch Minimalismus
Aydin Isik, der für die Inszenierung verantwortlich ist, schafft es wunderbar, dem Publikum die im Roman von Oscar Wilde teilweise recht trockene und zähe, wenn auch sehr intelligente, Kritik an einer hedonistischen Gesellschaft unterhaltsam und verständig nahezubringen.
Das liegt nicht zuletzt an der sehr minimalistisch gehaltenen Kulisse, die bloß aus einem Tisch, einem Sessel und einigen Stühlen besteht. Die wenigen Requisiten werden so geschickt eingesetzt, dass der Zuschauer sich hervorragend auf die wichtigsten Dinge konzentrieren kann und nicht durch unnötigen Schnickschnack abgelenkt wird.
Ein ganz zentrales Mittel der Inszenierung ist der Projektor, der dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, er befinde sich mitten in den Geschehnissen. Gezeigt werden Bilder, die beispielsweise eine Clubatomsphäre vermitteln oder einen weiblichen Charakter des Stücks, Szenen und Videos. Zusammen mit dem Gebrauch von gezielt eingesetzten Lichteffekten und psychedelischer Musik wird so der Text eindrucksvoll untermalt. Hinzu kommt noch, dass in regelmäßigen Intervallen das immer hässlicher werdende Bild Dorians an die Wand geworfen wird. Das Publikum zuckt im letzten Stadium zusammen vor lauter Abscheu.
Mittendrin, statt nur dabei
Um die Zuschauer noch mehr zu involvieren, stellen sich die Schauspieler in einigen Szenen sogar unmittelbar vor das (aus Platzgründen) recht überschaubare Publikum und sprechen es an, als wäre jeder Zuschauer ebenfalls eine Person des Stücks.
Aber nicht nur die Inszenierung ist beeindruckend und kunstvoll, auch die Schauspieler erbringen eine außerordentliche Leistung. Julian Baboi und Tobias Novo überzeugen durch ihre Authentizität; das Publikum sympathisiert mit jedem von ihnen. Beeindruckend ist auch, dass beide es verstehen, Frauenstimmen realistisch zu imitieren, erleichtert natürlich durch technische Mittel wie Schatten und die Projektion der Frau.
Wer jedoch besonders überrascht, ist Sven Djurovic, der anfangs wie ein metrosexueller Lustknabe aussieht und auch eine dementsprechend oberflächliche und naive Person spielt, die eher langweilig als interessant wirkt. Später aber, als Dorian sich in seinem Wesen bis hin zum Bösartigen verändert, ist dies vor allem an seiner Mimik hervorragend zu verfolgen. Djurovic verliert auf der Bühne seine Hemmungen, schafft Schreckensmomente und es gelingt ihm, im Zuschauer gleichzeitig Mitleid mit seinem Schicksal und Abscheu vor seiner Kälte zu evozieren.
Das Fallen aller Hüllen
Das Bildnis des Dorian Gray überzeugt durch die unorthodoxe Inszenierung von Aydin Isik und hält die Spannung kontinuierlich aufrecht. Die wichtigsten Elemente des Romans wurden übernommen – Wildes homosexueller Dandycharme, die bekanntesten Zitate und vor allem des Autors Intention. So kommen kritische und eingefleischte Oscar Wilde-Fans auf ihre Kosten. Aber auch für alle anderen ist das Stück unterhaltsam. Und als wäre das nicht schon genug, regt es auch noch ordentlich zum Nachdenken an, spielt es doch – anders als im Roman – in der heutigen Zeit, was die Frage aufwirft:
Steckt nicht in uns allen ein kleiner Dorian Gray?
Von Laura Thomsen, Campus-web, 11.12.2011
