Uraufführung von Martin Luther am Horizont Theater

Mitten in der Vorweihnachtszeit, in der die Geburtsgeschichte Jesu in Martin Luthers zeitlos schönen Worten allgegenwertig ist, ist es irgendwie ergreifend, im Theater die Geschichte des Mannes erleben zu können, der diese grandiose Übersetzung der Bibel besorgte, sich erfolgreich gegen die allmächtige katholische Kirche durchsetzte und den ersten Bestseller deutscher Sprache schrieb. Geschrieben hat das Stück mit dem ambitionierten Titel "Martin Luther" ausgerechnet Aydin Isik, deutscher Dramatiker, Schauspieler und Regisseur aus Köln mit türkischen Eltern und türkischem Abitur. Nach dem er eine Dokumentation über Luther gesehen hatte, war er so fasziniert, dass er monatelang recherchierte, sich von einem ehemaligen evangelischen Pfarrer beraten ließ und schrieb. Herausgekommen ist ein Stück, das in kaum eineinhalb Stunden in Schwindel erregender Geschwindigkeit die wichtigsten Stationen der Figur, die Deutschland wie kaum eine zweite prägte, unterhaltsam erzählt. Ein tiefernstes Unterfangen: Vor der mit groben Leinentüchern verhängten Hinterbühne ist ein schlichtes Kreuz aus braunen Versatzstücken aufgebaut. Luthers Geschichte wird an drei Personen verteilt: Der dunkelhaarige Jürgen Clemens ähnelt Martin Luther zwar nicht besonders, stellt ihn aber so kraftvoll und charismatisch dar, dass man ihm seine Anziehungskraft auf die Massen ohne weiteres abnimmt. Guido Grollmann Michael Paluch bodenständige und vielgestaltige Begleiter: Vater, Freunde, Ablasshändler, Kardinäle, Kritiker, der Kaiser, der Luther ächten lassen wollte - sogar Thomas Müntzer, Luthers revolutionäres Pendant, der die Bauern zur Revolution anstiftete. Isik gelingt in seinem Stück das Kunstwerk, so detailreich zu sein, dass es anschaulich bleibt und dennoch den Blick auf das Ganze zu wahren. Man erfährt viele interessante Kleinigkeiten: etwa, dass Luther zunächst "Luder" hieß. Oder dass er feierfreudig und lebenslustig war. Dass er sich mit theologischen Fragen quälte, wie etwa der, wie Gott seinen Sohn am Kreuz leiden lassen konnte. Wie ehrgeizig er war. Auch Luthers Antisemitismus wird nicht verschwiegen, sondern in aller Abscheulichkeit zitiert ("Wenn ich könnte, wie ich wollte, würd ich den Juden niederstrecken"). Wenn nicht manchmal die Ablasshändler kalauern würden ("Wenn die Münz' im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt") oder Martin lustig mit seinen Freunden um die Häuser ziehen würde, wäre das schon eine etwas schulmeisterlichtrockene Lehrveranstaltung. Und doch ist es höchst Respekt einflößend und intelligent gelungen, die wichtigsten Stationen diese immense Person theatralisch darzustellen - und gut gespielt ist es auch.


Dorothea Marcus
AKT, Januar 2011
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Fotos Jürgen Elskamp